Eine Zeitreise durch 46 Jahre Kommunalpolitik

Veröffentlicht am 02.07.2019 in Presseecho

Setzte sich unter anderem für den Erhalt vom Verkauf bedrohter Spielplätze ein: Günter Achilles, GB-Foto: Bäuerle

Gäubote vom 02.06.2019

Herrenberg: Mit dem SPD-Urgestein Günter Achilles verabschiedet sich am heutigen Dienstag einer der dienstältesten Stadträte im Land

Wer mit Günter Achilles mithalten will, muss gut zu Fuß sein. Schnellen Schrittes geht es an diesem sonnigen Sommertag durch die Straßen Herrenbergs, durch die Altstadtgassen und die Staffeln am Fuße der Stiftskirche. Seit 1980 sitzt der 82-jährige Sozialdemokrat im Gemeinderat der Stadt – ohne Unterbrechung. Achilles zählt deshalb zu den Mandatsträgern mit den meisten Dienstjahren im Land – auch weil er zuvor schon sieben Jahre in Nagold das Stadtgeschehen mitbestimmte. Nun endet für ihn eine Ära: Zu den jüngsten Kommunalwahlen trat er nicht mehr an. Am heutigen Dienstag wird er von Oberbürgermeister Thomas Sprißler verabschiedet. Wehmut allerdings kommt bei ihm – bisher zumindest – nicht auf. Im Gegenteil: „Ich bin froh, dass die Belastung weg ist“, sagt der Senior: „Ich habe all die Jahre meine ganze Urlaubsplanung auf die Sitzungstermine abgestimmt.“

Ein Spaziergang durch Herrenberg mit Günter Achilles wird zu einem Spaziergang durch die jüngere Geschichte der Stadt, ihre Kommunalpolitik und ihre Protagonisten. Achilles erlebt mehrere Generationen von ihnen am Ratstisch. Zum Beispiel Wilhelm Böttinger, seinen Sohn Günther und Enkel Jens. Gern denkt Achilles an frühere Weggefährten und Kollegen zurück – egal aus welcher Fraktion. Aller Dispute im Rat zum Trotz fühlt und fühlte er sich vielen persönlich verbunden. Gerhard Braitmaier, Walter Diether, Otto Riethmüller – „das waren Säulen der Stadtpolitik“, sagt Achilles. Selbstredend zählt er auch seine Genossen Paul Binder und Paul Schmid dazu.

Günter Achilles: Drei Porträts aus verschiedenen Dekaden, GB-Fotos (Archiv): gb
Günter Achilles: Drei Porträts aus verschiedenen Dekaden, GB-Fotos (Archiv): gb

Die Zeitreise beginnt in der Bahnhofstraße. Für Achilles ein gelungenes Beispiel der Stadtentwicklung: die Bebauung des Stöckerareals, das Mehrgenerationenhaus Weitblick, das architektonisch ebenfalls hochwertige Walter-Knoll-Gebäude, aber auch die Straße selbst als Achse zur Altstadt mit Blick auf die Stiftskirche. Dazu gehört natürlich der gesamte Bahnhofsbereich – mit S-Bahn-Anschluss und der Ammertalbahn. Achilles bedauert es, dass viele Menschen solche Veränderungen als selbstverständlich wahrnehmen, die oft sehr langen Prozesse, Diskussionen und Planungen im Vorfeld der Projekte nicht erkennen.

Achilles hat ein Faible für Bauthemen. Als Mitglied im technischen Ausschuss des Gemeinderats, im Gestaltungsbeirat und im Gutachterausschuss verfügt er über einen reichen Erfahrungsschatz und Detailwissen. Allerdings schlägt sein Herz vor allem für das Soziale. Achilles arbeitete lange Zeit als Sozialarbeiter. Noch im Rentenalter engagiert er sich als Betreuer für kranke und alte Menschen.

Es geht weiter. Vorbei am (noch) brachliegenden Stabi-Areal, das nach mehreren vergeblichen Anläufen nun endlich eine städtebauliche Aufwertung erfahren soll, über den Reinhold-Schick-Platz in die Seestraße. Obschon der Pendelschlag jetzt seit knapp 20 Jahren am Küferplatz steht, kann sich Achilles immer noch an den Kochskulpturen des Künstlers Peter Lenk erfreuen. Unter ihnen – und auch sie mit nacktem Hintern – die Figur Wilhelm Bührers, seines Ratskollegen von der FDP.

Schräg gegenüber wird gebaut – das Seeländerprojekt. Der SPD-Stadtrat hofft darauf, dass sich das neue Einkaufszentrum, das Bronntor am Rande der Altstadt und das Nufringer Tor gegenseitig befruchten werden. Überfällig ist für Achilles, den Autos in der Seestraße, wie andernorts in der Stadt, Raum wegzunehmen und Fußgängern und Radfahrern zu geben. Nagold sei da mutiger gewesen, betont der erfahrene Kommunalpolitiker. Immer wieder macht Achilles einen verbalen Schlenker in die Schwarzwaldstadt, wo er 1968 erstmals in einen Gemeinderat gewählt wird: „Ich erinnere mich genau, ich lag schon im Bett, als der Anruf kam und man mir sagte, dass ich es geschafft habe.“

Trotz sengender Sonne kommt Achilles aus dem Erzählen nicht heraus. Anekdoten, Hintergründiges, Geschichten aus der Ratsgeschichte, aus Sitzungen und Nachsitzungen. Inzwischen führt der Weg zum Marktplatz. In der Stuttgarter Straße bleibt Achilles stehen. Sein Blick schweift hoch zur Stiftskirche: „Was für eine schöne Stadt“, schwärmt das SPD-Urgestein. Das Fachwerk erinnert ihn an seine Heimat. Braunschweig. Dort verbringt er seine Kindheit, überlebt den Bombenhagel im Luftschutzkeller. Achilles erlernt das Malerhandwerk, anschließend geht er zum Bundesgrenzschutz und 1956 zur neu gegründeten Bundeswehr. Er wird Fallschirmjäger. Von 1960 bis 1970 ist er auf dem Eisberg in Nagold stationiert. Noch heute zeugt eine Tätowierung am rechten Unterarm von dieser Zeit. Achilles heiratet, wird Vater von drei Kindern. Dann sattelt er erneut um. Er qualifiziert sich fort, studiert in Stuttgart Sozialarbeit. 1973 nimmt er eine Stelle im Böblinger Landratsamt an, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 bleibt – unter anderem als Behindertenberater, zuletzt als Leiter der Betreuungsbehörde. Er zieht nach Herrenberg.

Jetzt steht Achilles auf dem Herrenberger Marktplatz. In den 1990er Jahren noch ein besserer Parkplatz. Achilles erinnert an die vielen Debatten, die es gebraucht habe, um die gute Stube „autofrei“ zu bekommen: „Die Widerstände waren groß.“ Gerade auch im Rathaus. Drei Oberbürgermeister erlebt Achilles dort: Heinz Schroth, Dr. Volker Gantner und Thomas Sprißler. Achilles ist es wichtig, dass der Gemeinderat den Verwaltungschefs gegenüber selbstbewusst auftritt: „Wenn es der Gemeinderat so will, dann kauft der OB nicht einmal mehr einen Bleistift ein.“ Weil das Stadtparlament als Hauptorgan einer Kommune schlussendlich immer entscheiden muss, sieht er der Bürgerbeteiligung Grenzen aufgezeigt. Auch in der „Mitmachstadt Herrenberg“. Achilles: „Der Slogan ist schon ein wenig Attitüde.“ Achilles hält selten mit seiner Meinung hinterm Berg, er vertritt klare Positionen, die mitunter auch in seiner Fraktion nicht allen gefallen. Er spitzt gerne zu, mahnt in hitzigen Debatten oft aber zur Mäßigung. Davon gibt es in seiner Amtszeit genug – er selbst befeuert sie oft mit. Die Gültsteiner Südumfahrung, die Nordumgehung, das Nufringer Tor, der geplante Verkauf von Spielplätzen in einzelnen Stadtquartieren, gegen den sich Achilles, wie einige Elterninitiativen, erfolgreich zur Wehr setzen: „Ich bin in meinen 40 Jahren als Gemeinderat noch nie so oft auf eine Sache angesprochen worden wie zu diesem Thema.“

Der Spaziergang ist noch nicht zu Ende. Er führt durch die Tübinger Straße mit ihren vielen Leerständen – ein Problem, das, wie Achilles meint, nicht nur Herrenberg kennt, sondern Folge einer kaum mehr aufzuhaltenden Entwicklung sei. Allerdings sieht er die Wirtschaftsförderung der Stadt nicht optimal aufgestellt. Dagegen lobt er OB Sprißler dafür, dass er die Sanierung des Fruchtkastens – Achilles macht vor dem historischen Gebäude eine kleine Pause – wieder aufgegriffen habe: „Das ist mir eine Herzensangelegenheit.“ In der Marienstraße verweist er auf Gebäude aus den 1980er und frühen 90er Jahre: „Damals wurde noch Sozialer Wohnungsbau gemacht.“ Es folgt ein Abstecher ins Alzental: „Hier muss der Durchgangsverkehr endlich raus.“ Gut gefällt ihm das neue Kinderhaus in der Erhardtstraße: „Was haben wir all die Jahre Kindergärten gebaut und investiert. Trotzdem hat es nie gereicht.“ Stolz ist er, dass in den 1990er Jahren auf Initiative der SPD im Längenholz die erste Kindertagesstätte mit Ganztagsbetreuung entstand.

Achilles spricht von einer großen Gemeinschaftsleistung des Gemeinderats. Für die vergangenen 39 Jahre listet er die wichtigsten Herrenberger Themen akribisch auf: Es sind gut 250. Auch in den Stadtteilen. Als Beispiel nennt er unter anderem die gelungene Ortskernsanierung in Kuppingen oder den Bau zahlreicher Schulen. Für die Zukunft würde sich Achilles mehr von der Verwaltung unabhängige Ortsvorsteher wünschen.

Heute Abend nun tritt mit Günter Achilles ein kommunalpolitisches Schwergewicht von der offenen Bühne ab. Mehr Zeit zum Lesen, mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit zum Reisen will er sich gönnen. Zum Beispiel in die Partnerstädte, vor allem nach Tarare. Auch das ist ihm eine Herzensangelegenheit.

DIETMAR DENNER

 

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